interview - kathrin ivancsits

gabarage: was macht die mobilitätsagentur genau, wer seid ihr und seit wann gibt es euch?

 

kathrin ivancsits: die mobilitätsagentur gibt es seit november 2011 so richtig gestartet hat sie dann 2012, damals noch als „radagentur“ mit dem radbeauftragten. und 2013 ist sie um das zufußgehen ergänzt worden. seit dem heißen wir auch mobilitätsagentur.

kurz gefasst kümmern wir uns darum, die wienerinnen dazu zu motiviert, mehr mit dem rad zu fahren und zu fuß zu gehen. der grund dahinter ist, dass die stadt wien große und langfristige pläne hat und eines davon ist, dass bis 2025 die meisten wege, die man in der stadt zurücklegt, auch umwelt- und klimafreundlich passieren sollen. also  mit den öffis, mit dem rad und zu fuß.

wir sind in wien zwar schon gut unterwegs, aber es geht natürlich ein bisschen mehr. neben dem umwelt- und klimaschutzaspekt ist es auch wichtig, den faktor lebensqualität zu erhalten. wien ist die lebenswerteste stadt der welt – zumindest in jedem zweiten ranking, das raus kommt *lacht* – und dafür muss man natürlich auch etwas tun. lebenswerte städte zeichnen sich auch dadurch aus, dass viele leute draußen zu fuß und mit dem rad unterwegs sind. das hat natürlich auch einen sozialen faktor: man trifft sich, bleibt stehen und plaudert, man kennt dann seine nachbarn.

also es geht nicht darum, dass die wienerinnen nicht dazu tendieren, zu faul zu werden. es ist schon in erster linie der nachhaltige gedanke, der umweltgedanke, der ausschlaggebende grund für eure arbeit?

 

ja natürlich. und es hat dann ja auch der einzelne etwas davon. angenommen  man hat einen anstrengenden tag im büro und geht dann ein stück oder man fährt ein stück  mit dem rad und man kann den kopf frei bekommen – es geht einem dann ja auch gleich etwas besser. diesen nutzen hat jeder für sich. außerdem wird man auch gleich ein wenig fitter, spart sich das fitnessstudio – man baut die bewegung in seinen alltag ein. es geht also nicht „nur“ um das große ziel für die stadt, jeder einzelne kann dabei auch was für sich mitnehmen. und diese ganzen argumente, die jetzt am tisch liegen, bringen wir als mobilitätsagentur so gut es geht unter das volk.

 

und wie genau macht ihr das? kannst du mir 2 oder 3 aktionen oder ähnliches nennen, die ihr gestartet habt?

 

ja, wie machen wir das? *lacht*  mit dem radjahr 2013 zum beispiel, da gab eines eine große kampagne, mit der wir alles rund ums radfahren thematisiert haben. seien es fahrradflohmärkte, modeschauen, bikefestival, radkarte… einerseits infos aber auch stark eventbasierend. wir sind bei vielen veranstaltungen unterwegs und haben jedes jahr im september selber das „streetlife festival“  - ein großes fest mit sport, kunst, infos zu verschiedenen mobilitätsarten in der stadt. da zeigt man einfach, was man mit einer fahrbahn alles machen kann, wenn einmal keine autos drauf fahren. da kann ganz viel passieren.wir versuchen einfach, dieses lustvolle und schöne an dem mobilitätsthema raus auf die straße zu bringen und den leuten dieses thema mit einem positiven erlebnis näher zu bringen. oft ist es ja so, dass das alles sehr verkopft ist – statistiken, prozent, zahlen,…  - das ist ja fad! aber wenn ich rausgehe und einmal positive erlebnisse habe, alles selbst ausprobiert habe und merke, es gefällt mir, dann  mache ich es am nächsten tag wieder. das ist die idee.

und sonst machen wir presse- und medienarbeit, reden mit journalistinnen, die das dann verbreiten, organisieren spaziergänge etc… also eine große bandbreite, um die mobilitätsformen selbst erleben und die stadt so (neu) entdecken zu können.

 

sehr spannend! die breite masse kennt – denken ich – nur den fahrradbeauftragten, aber was ihr darüber hinaus alles macht, ist wirklich super.

 

es gibt übrigens auch eine fußgängerbeauftragte, die polarisiert nicht ganz so. *lacht* das radfahren, bzw. das ganze verkehrsthema, politisch und in den boulevardmedien, ist schon ein etwas polarisierendes thema – ganz klar. wenn man einen radweg baut, gibt’s eine baustelle, es ist dann dort vielleicht auch ein parkplatz weniger –das sind dinge, die man auch ernst nehmen muss. der vorteil des einen ist für den anderen vielleicht ein nachteil. aber wie eingangs erwähnt, ist dieses ziel der stadt, die klimaschutzziele zu erfüllen und die stadt lebenswert zu erhalten. und dazu beizutragen, dass die welt auch für künftige generationen lebenswert bleibt. und da muss man vielleicht ab und zu abstriche machen und entscheidungen treffen, die nicht für jeden angenehmen sind. da geht’s dann nicht mehr um persönliche wünsche und befindlichkeiten, sondern es geht darum, dass die un klimaschutzziele festgelegt hat, zu denen sich österreich und wien bekannt haben. und wenn man ein ziel erreichen will, muss man auch was dafür machen. und gerade im konkreten fall kann man im bereich motorisierter verkehr viel tun. da wird dann nicht nur die luftqualität besser.

 

interessant, dass sich dann gerade hier viele anscheinend zur wehr setzen. weil man hat den eindruck, dass ein nahhaltiges leben heute schon fast „zum guten ton“ gehört. wobei diese entwicklung ja höchst positiv ist. wir von gabarage verfolgen ja auch ein solches ziel – ein zeichen gegen die wegwerfgesellschaft zu setzen hat ja auch direkt mit dem umweltgedanken zu tun.

 

 jeder von uns ist irgendwo ein wenig schizophren, natürlich. *lacht* und natürlich sind gewisse meinungen gut nachvollziehbar, wenn etwas deinen alltag beeinflusst, ist das manchmal schwierig. und menschen haben die veränderung nicht so gerne… auch eine aufgabe von gabarage ist, auf eine schöne art zu erklären, dass gewisse veränderungen wichtig und gut sind. gabarage macht ja auch schöne produkte und vermittelt so ein andere art des konsums und eine andere art des umgangs mit produkten – eben weg von der wegwerfgesellschaft. aber ihr macht da ja auch nicht mit erhobenem zeigefinger, sondern sagt „hey, das ist eine geniale tasche und jetzt denk‘ darüber nach, woraus wir die gemacht haben“.

 

das wäre dann schon meine nächste frage: wo du die parallelen oder anknüpfungspunkte zwischen mobilitätsagentur und gabarage iehst. also wo sind die verbindungen und was macht das ganze besonders oder spannend?

 

wenn man sich primär für nachhaltige ideen oder auch klima- und umweltschutz im großen und ganzen einsetzt, kann man dieses große ganze nicht so einseitig sehen. insofern ist es klar, dass wir schauen, fair mit dingen umzugehen. das heißt jetzt, dass wir zum beispiel  nur so vieleflyer produzieren wie wir brauchen, und natürlich schauen wir auch darauf, wie die sachen produziert werden. wir als firma achten darauf, so nachhaltig als möglich zu agieren. und wie wir jetzt auf eine zusammenarbeit mit gabarage  gekommen sind, das war so… 2015 gab es das „jahr das zu-fuß-gehens“.

da haben wir am rathausplatz eine große veranstaltung gehabt, bei der eine der kernideen war, vor dem rathaus – über den ganzen platz – die größte wienkarte aufzulegen. die leute haben wir eingeladen, dort ihre wege einzuzeichnen und ihre geschichten zu erzählen. ein alter herr hat dort z.b. seinen alten schulweg eingezeichnet und hat die geschichte dazu erzählt. es waren generell sehr schöne erzählungen von den menschen. am ende des festes haben wir die karte dann auch noch mit kränen in die höhe gezogen – was sehr spannend war, aber es hat alles gut geklappt. und nach dem fest war die riesen plane übrig, die unser lager überfordert hätte und zum wegwerfen war sie natürlich zu schade.

da kam dann die frage auf, ob man daraus nicht noch was machen könnte. und so sind wir auf euch gekommen und haben shopper daraus machen lassen. die haben wir dann zu weihnachten verschenkt, an kooperationspartner, die vizebürgermeisterin, an den bürgermeister… und alle haben sich irrsinnig gefreut. es schaut schön aus, hat aber auch ganz viel geschichte. auf jeder tasche ist ein teil des plans drauf, überall ist etwas eingezeichnet, und es hat für jeden eine eigene bedeutung. für mich erzählt es die geschichte von dem ganzen kampagnenjahr, das sehr arbeitsintensiv war, mit dem höhepunkt des festes. und jetzt habe ich ein so tolles erinnerungsstück, das mir für immer bleibt. aber es hat auch die geschichte der person, die etwas darauf gemalt hat, aber auch die der person, die die tasche genäht hat. und auch die vom „eugene“, der dort der dj war und beim hochziehen der plane das perfekte lied gespielt hat. das macht diese taschen so besonders. und natürlich, dass wir sie nicht wegwerfen mussten.

 

das macht also auch den upcycling-gedanken, aber auch die einzelnen produkte so besonders. nicht nur, dass jeder ausschnitt einzigartig ist, sondern dass auch die zusammenarbeit zwischen euch und gabarge besonders ist. oder was würdest du als das besondere hier bezeichnen? oder ist es eine kombi aus allem?

 

es ist die kombi! diese tasche ist für mich wien – sie ist ein echtes stück wien. das nachhaltige ist da nebensächlich, aber es ist ein stück, das so viele unterschiedliche menschen in sich vereint. und das musst du erst einmal schaffen - als tasche *lacht*

 

schön, wenn das eine unserer taschen schafft.

 

das ist ja ein gefühl, das dir die tasche vermittelt und das ist sehr schön.

 

stimmt, und ich selbst habe ja auch erinnerungen an eure taschen – aus beruflicher sicht jetzt. ich habe mit deiner kollegin gesprochen, wir haben die taschen zusammen entwickelt und ich weiß was vorher und nachher mit der plane passiert ist. das ist echt spannend, da hast du recht.

 

alle mitarbeiterin der mobilitätsagentur haben natürlich auch eine bekommen. die meisten taschen  haben wir dann als weihnachtsgeschenke verschenkt. es haben sich alle wirklich sehr gefreut. viele haben angerufen und gefragt, ob wir noch welche haben und ob sie eventuell auch eine haben können. mittlerweile haben wir nur noch 3, die wir für einen besonderen anlass aufheben.

 aber jetzt mal allgemein – csr, nachhaltigkeit, ökologischer footprint,… das sind alles schlagworte, die man kennt. und sie werden ja auch immer wichtiger und gehören zum „guten ton“. und natürlich wird das für viele firmen auch immer wichtiger. ich selbst verfolge das seit einigen jahren, seit ich bei gabarage bin. aus deiner persönlichen sicht, wie siehst du das und von seiten der mobilitätsagentur, in welche richtung versucht ihr hier zu wirken? wie bekommst du das hier mit, diesen - salopp gesagt – trend?

 

ich habe mich auch viel mit dem thema befasst, auch in meinem studium und in meinem letzten job. dass firmen – gerade kommerzielle – da immer mehr den fokus drauf legen, ist eine gute entwicklung. bei uns ist es implizit würde ich sagen, weil unser unternehmenszweck auch ein sozialer und nachhaltiger ist. es gibt uns ja „nur“, um dieses ziel intensiv zu verfolgen und darum hat uns die stadt ja auch gegründet, um das zu verfolgen. insofern muss ich, ohne dass das jetzt zu eigenartig klingt, diesen sozialen zweck nicht erfinden, weil mein „dasein“ ist ja schon einer.

aber klar, wie vorher erwähnt, schauen wir darauf, dass wir keine dienstautos haben – wir haben fahrräder. wir fahren – wenn wir auf dienstreisen sind – hauptsächlich mit dem zug und versuchen allgemein, solche wege so nachhaltig wie möglich zu meistern. wenn wir z.b. eine firmenfeier haben, schauen wir auch darauf, dass das catering regional und nachhaltig ist und zu uns passt. genauso bei give-aways oder anderen geschenken, die sollen auch sinnvoll sein und bestimmte standards einhalten.

 

glaubst du, dass gerade bei dem thema firmen wie ihr oder wir, in zukunft noch verstärkter eine vorreiterrolle einnehmen müssen? oft kann man den eindruck gewinnen, dass firmen, die gerne „würden“, vielleicht durch einen gewissen kostendruck und andere faktoren gar nicht so „können“. oder bleiben wir beim regionalen bio-catering, das wahrscheinlich etwas teurer sein wird, als ein konventionelles – brötchen mit eiern aus massenhaltung etc… oder bei drucksorten gibt es auch einen unterschied zwischen günstigen aus dem ausland oder der heimischen druckerei ums eck, die biopapier verwendet.

 

natürlich gibt es da manchmal schwierigkeiten – auch nachvollziehbare. man hat oft ein vorgegebenes budget, und man hat aufgaben, die man mit diesem budget erfüllen möchte und muss. es gibt dann diese monetären grenzen. da muss man sich die fragen stellen, ob die wertehaltung bzw. qualität wichtiger ist, oder die quantität. und hier hängt es ganz stark von der haltung der firma ab, das ist klar. diese wertehaltung in einer firma zu verankern ist sicher nicht immer leicht und hängt von vielen faktoren ab. da macht es sinn, wenn es gewisse firmen gibt, die in der gesellschaft ein gewisses standing haben und so eine multiplikatorrolle einnehmen. sie können ein rolemodel für andere sein. firmen per gesetzt zu verpflichten – da gibt’s ja auch beispiele wie beschäftigungsgesetzt,… ist denke ich nicht zielführend ohne eine tief verankerte überzeugung der firmen. die anreize können nicht nur von staatlicher seite kommen, so etwas muss aus der wirtschaftscommunity selber auch heraus erwachsen. csr – das ist auch kein neuer ansatz mehr und viele firmen setzten diese standards bereits um. aber es wird auch viel greenwashing betrieben, wo man ein nachhaltiges projekt hat, das gut läuft und parallel drei andere, die nicht so „grün“ sind. diese dinge brauchen zeit und es braucht noch mehr firmen, die sich csr und nachhaltigkeit verpflichten.

sinnvoll und wichtig ist. ein bekannter, wohl nicht unumstrittener österreichischer getränkehersteller zum beispiel organisiert jedes jahr einen charity-lauf, mit dem auf menschen mit behinderungen hingewiesen und für sie gesammelt wird. das ist eine sehr gute initiative. also in summe ist es besser, wenn konventionelle firmen auch „gutes“ in form von kleinen schritten tun, als wenn sie es gar nicht tun. und gerade eine firma wie  der genannte getränkehersteller hat das geld, um solche events auszurichten, die von einer sehr großen gruppe menschen gesehen werden. und so wird öffentliches bewusstsein gebildet. und das bringt dann schon was und beeinflusst die gesamte gesellschaft.

 

wir setzen uns für ein zeichen gegen die wegwerfgesellschaft und auch eine besondere zielgruppe ein – nicht menschen mit behinderung, aber menschen mit suchtvergangenheit. beziehungsweise setzen wir uns – allgemein betrachtet – dafür ein, dass das blickfeld der menschen erweitert wird. wir versuchen das in zusammenarbeit mit anderen firmen und kooperationen umzusetzen. sei es das genussfestival, auf dem ihr taschen von uns verlost habt, oder andere kooperationen. das sind alles nur kleine schritte, aber sie beeinflussen nachhaltig. sind solche kooperationen auch in euren augen wichtig und – was meinst du – wie passen hier die mobilitätsagentur und gabarage zusammen? auch, um sich vielleicht breiter aufzustellen.

 

genauso wie du sagst: die taschen am genussfestival sind kleine, aber wichtige gesten. und da kommen ja auch viele leute hin. wir konfrontieren sie dann in einer schönen, angenehmen umgebung mit einem schönen produkt und so werden sie offen für uns. dann kann man die themen nachhaltigkeit und „wo kommt dies tasche her, wer hat sie gemacht“ gut ansprechen. da schlägt man gleich mehrere fliegen mit einer klatsche. a) sind die planen, aus denen die taschen sind, von der lastenradkonferenz 2017, auf der nachhaltigkeit und ökologisches denken ganz groß waren und b) kann man dann noch kommunizieren, dass die plane von gabarage verarbeitet wurde und dass ehemals suchtkranke so eine neue chance auf eine perspektive und einen arbeitsplatz haben. wir haben hier also 3 themen gleichzeitig angesprochen.

die leute freuen sich über die taschen, haben sie immer dabei und so verbreite sich der gedanke und man wird auf die marken aufmerksam. das alles bringt einfach einen stein ins rollen und die leute kommen auf die idee, sich gedanken zu machen und wir als firmen werden „da draußen“ auch sichtbarer.

 

ich höre da raus, dass nachhaltigkeit nicht belehrend sein soll – auch wenn es oft so wirkt. aber meinst du, nachhaltigkeit darf durchaus sexy und cool sein? und es mussnicht immer der erhobene zeigefinger sein?

 

*lacht* also wir hatten eine ganz sexy mathelehrerin und die burschen waren alle viel besser in der schule. also das zeigt eh schon, dass funktioniert *lacht wieder* auf diese weise ganz gut. klar muss es manchmal ein bissl ernster werden, aber es darf auch spaß machen und es darf auch sexy und cool sein. warum auch nicht?!

 

und dann noch meine letzte frage, die stelle ich allen interviewpartner. wenn du an gabarage denkst – und so banal das klingt – mit welchen 3 worten würdest du gabarage beschreiben

 

sexy, cool und nachhaltig.

 

Bilder (c) Regina Huegli + Mobilitätsagentur Wien