art@gabarage


art@gabarage ist unserer ausstellungsreihe, die wir ins leben gerufen haben, weil upcycling eigentlich von künstlerinnen und künstlern erfunden wurde und seit bereits über 100 jahren gelebt wird.  

Marcel Duchamp hat 1913 das vorderrad eines fahrrades und einen hocker zu der berühmten arbeit bicycle wheel zusammengesetzt und damit eine neue kunstrichtung erschaffen. viele andere künstler griffen diese neue idee auf, und so lebt diese arbeitsweise bis heute in der bildenden kunst weiter. von upcycling spricht in diesem zusammenhang zwar niemand, dennoch ist er problemlos erkennbar – es geht darum, aus unterschiedlichsten objekten (oder wie im fall von gabarage aus objekten und materialien die nicht mehr gebraucht werden), mittels eines kreativen prozesses, neue, höherwertige produkte bzw. werke entstehen zu lassen.

 

wir wollen mit dieser ausstellungsreihe künstlerinnen und künstler vorstellen, die sich mit diesem thema beschäftigen und so einen weiteren mosaikstein zum gesamtbild des themas upcycling hinzufügen.

Julie Hayward | Gernot Fischer | Jochen Traar

julie hayward – fotografien

vernissage: 10. november 2016

ausstellungsdauer: 11. november bis 10. dezember 2016

Julie Hayward zeigt einen Ausschnitt aus ihrem fotografischen Werk. Die Arbeiten zeigen zufällige und beiläufige Momente eines Spaziergangs, bei dem von der Natur (oder auch von Menschenhand) entstandene Objekte in den Blick der Künstlerin tauchen und dabei ihre skulpturale Schönheit enthüllen. Ein Strauch, der bei Hochwasser zerrissene Stoffreste und Plastiksäcke sammelte, Baumstämme, die umwickelt wurden um sie vor ebendiesem Hochwasser zu schützen. Julie Hayward denkt in Skulpturen, und sieht deswegen die Schönheit dieser gefundenen Objekte – die für jeden anderen wahrscheinlich wertlosen Müll darstellen. 

 

Die zweidimensionale Abbildung geht aber weit über die Dokumentation einer gefundenen Skulptur hinaus. Es zeigt die Fähigkeit unbewusst kreativ tätig zu sein - sei es die Natur, oder der Mensch. Dass Entsorgtes, Verlorenes, Kaputtes alleine durch Beobachtung zu neuem Leben erweckt werden kann. 

 

Julie Haywards Arbeiten werden in der Umgebung von Upcycling-Produkten zu einem Spiegel dessen, was unsere Gesellschaft noch immer weitgehend übersieht. Und obwohl Haywards Fotografien Ästhetik, Schönheit, Farbenpracht und sogar Humor enthalten, wohnt in ihnen ein trauriger Splitter. Ein Dorn der dazu imstande ist an einem Weltbild zu nagen.



euphorie des wahnsinns

gernot fischer-kondratovitch, 17. juni bis 8 juli 2016

normalerweise, wenn man beschließt mit einem künstler oder einer künstlerin eine ausstellung zu machen, weiß man in etwa, wohin die reise gehen wird. man kennt die arbeiten, und erwartet vielleicht ein paar neue werke in diesem, oder einem ähnlichen stil. man geht ins atelier des künstlers, sucht gemeinsam die passenden arbeiten aus, fertig. so war es auch geplant, als die ausstellung mit gernot fischer-kondratovitch vereinbart wurde. er arbeitet schon lange mit gefundenen objekten, die er neu zusammensetzt und in kunst verwandelt, oder durch seine bearbeitung veredelt. perfekt also für gabarage. zum beispiel die übermalten perserteppiche oder seine videos, in denen alles verwendet wird dessen er in seiner umgebung habhaft wird. letztlich hätte mir genau das zu denken geben sollen.

 

als wir uns zum ersten mal hier trafen um die ausstellung zu besprechen – welche arbeiten hierher passen und welche flächen zur verfügung stehen – kam es wie es kommen musste: irgendwann begannen wir über die materialien von gabarage zu sprechen, woher sie kommen, was wir denn so alles verarbeiten, und so weiter … und nur kurz danach standen wir schon mitten in unserem materiallager, das offenbar sofort die fantasie von gernot fischer-kondratovitch beflügelte – und ihn vielleicht schon an dieser stelle zum titel inspirierte: euphorie des wahnsinns 

sehr schnell entstand die idee, mehr oder weniger die gesamte ausstellung neu aus gabarage-materialien zu gestalten. was man hier sieht, sind zum größten teil neue werke, die extra für diese ausstellung, für gabarage produziert wurden.


der titel der ausstellung – euphorie des wahnsinns - ist (vielleicht subjektiv) auch programm unserer gegenwart. in einer zeit, in der gedanken aus einer epoche wieder auftauchen, die ein kritischer mensch als endgültig abgeschlossenes kapitel betrachtet, einer zeit, die große herausforderungen an die gesellschaft stellt, sei es struktureller, religiöser, finanzieller, oder auch nur persönlicher kontext – in dieser zeit wird es einerseits immer wichtiger, und andererseits immer schwieriger stellung zu beziehen. diese ohnmacht thematisiert gernot fischer-kondratovitch auf seine weise. ein winziger mensch und ein riesiger käfer laufen gleichzeitig über eine noch größere werbetafel eines weltkonzerns. ein schelm, wer dabei nur an vordergründige konzernkritik denkt.

 

leider findet aktuell eher ein recycling denn ein upcycling der geschichte statt. bei recycling wird z.b. glas wieder zu glas – die vergangenheit zur gegenwart oder zukunft – ohne wesentliche veränderung. es wäre doch auch ein gedanke, vermehrt aus altem etwas neues zu machen wie beim upcycling – aus den materialien vergangener generationen etwas neues zu gestalten, das der gesellschaft nutzen bringt.

 das vertrauen, das wir in die stabilität – aber auch in einen reflexiven veränderungsprozess - unserer gesellschaft haben sollten, betrachtet gernot fischer-kondratovitch mit den mitteln der malerei. 

 

die motive der arbeiten von gernot fischer-kondratovitch behandeln seinen bzw. unseren alltag und kommen einem daher oft entsprechen vertraut vor. menschen, tiere, sonstige requisiten bevölkern die arbeiten. aber durch die besondere zusammensetzung, durch eine kleine, surrealistische verschiebung, wird alles in eine völlig andere, in eine neue realität geschoben und lässt den betrachter vielleicht einen moment ratlos zurück. vertrautes nähert und entfernt sich zugleich, man wird entführt in eine wundersame realität, die durch den realismus in der ausführung – auch wenn es oft nur wenige pinselstriche sind – umso mehr nähe und wahrheit erzeugt.

 

manchmal wird man auch von ironie, melancholie, trauer oder gar bitterkeit berührt, die den werken innewohnt. menschen, die ein wenig verloren über die informationen zu einer veranstaltung wandeln, weil eine werbeplane als leinwand verwendet wurde. ein mann, der einem riesigen mistkäfer gegenüber steht – gemalt auf einem, für immer zugeklebten lexikon. oder nur das wort „heimatrausch“ auf einem verkehrsschild das vor dem verkehrten einfahren in eine sackgasse warnt – ein wunderbares beispiel für die euphorie des wahnsinns.

 

gernot fischer-kondratovitch setzt bewusst keine bezugspunkte, auf die man sich verlassen kann oder zurückziehen könnte. die szenen fallen deshalb völlig aus begrifflichkeiten wie zeit oder raum. der betrachter ist dadurch gezwungen, die arbeiten als projektionsfläche der eigenen wahrnehmung zu erfahren und durch den rückgriff auf das eigene erinnerungsreservoir, entsprechend zu erleben.

 

den arbeiten gemein ist aber immer auch der humor des künstlers, der schalk, der aufblitzt, wenn zum beispiel ein schispringer über die wolkenkratzer von new york fliegt, oder ein krokodil nach den berühmten bauarbeitern des empire state buildings schnappt (jenen bauarbeitern, die auf diesem stahlträger sitzen und gerade mittagspause machen).

 

ebendiese motive finden sich ausgerechnet auf sorgfältig zugeklebten büchern. sie illustrieren damit eine geschichte, die nicht einmal der künstler kennt. manchmal hilft auch noch der titel, aber das stattfindende abenteuer im kopf kann durchaus als metapher für den malvorgang gesehen werden. als unbefleckte leinwand.

 

als kind der generation „fernseher“ schöpft der künstler natürlich aus dem bilderreservoir einer, von immer schneller werdenden medien geprägten gesellschaft. umso logischer, dass er sehr oft fotos, gedruckte werbebilder, filme, und ähnliches in seinen werken verarbeitet. oder, wie im fall der elefanten die eine dose gespritzten apfelsaft vor sich her schieben – ein zitat der popkultur mit extrem hohem wiedererkennungswert. das gefundene dient als grundlage für seine arbeit. durch die gestalterische veredelung werden diese fundstücke zu kunst – womit sich auch der kreis wieder schließt, der zu gabarage führt.    


jochen traar // t-shirts

in Jochen Traars t-shirt-serie mutieren alltägliche (getragene) t-shirts, die an sich schon banal sind, mit ihren affichierten botschaften aber noch banaler wirken, durch die künstlerische bearbeitung und neuzusammensetzung zu informationsträgern weit über ihre eigentliche botschaft hinaus und bleiben zugleich immer auch das, was sie sind. 

Andreas Krištof